Samstag, 18. Oktober 2008

18 10 2008

T: Ich gehe mit meiner Oma durch eine verwunschene Landschaft. Wir kommen an Schornsteinen vorbei, aus denen Rauch dringt. „Das ist kein Feuer, das sind die Toten“, sagt meine Oma.

Die Stammheimer Todesnacht, letztes Jahr wurde ihrer Gedacht. Ich finde das noch immer aufregend. Sie haben jetzt einen Film gemacht mit der Crème de la Crème der deutschen Schauspieler. Da ich von dieser Crème nichts halte, habe ich mir den Film noch nicht angeschaut. Was im TV bisher davon zu sehen war, hat mich nicht überzeugen können.

Bekomme in letzter Zeit verstärkt Sexschmarrn auf mein E-Mail-Postfach.

Die SPD hat Steinmeier zum Kanzlerkandidaten gewählt und Franz Müntefering zu ihrem Oberhaupt gemacht. Ich habe an dieser Partei nichts auszusetzen, sie hat es schwerer als die anderen. Angela Merkel schön und gut, aber wen gibt es eigentlich noch in der CDU? Die Spitzenpolitiker kommen doch hauptsächlich aus der SPD. Und die machen ihre Sache doch nicht schlecht.
Außerdem: Agenda 2010: Nie zuvor hat es eine Partei gegeben, die zum Wohle des Landes etwas beschlossen hat, was sie selbst – absehbar! – in höchste Bedrängnis brachte. Der Aderlass. Ypsilanti? Ungeschickt, sehr ungeschickt. Müntefering hat im ZDF gesagt, mit der Linkspartei gebe es keine Zusammenarbeit nach der Bundestagswahl. Wenn das mal nicht auch ungeschickt war…
Eine realistische Chance für eine andere Koalition als die große besteht nur, wenn die FDP von ihrem hohen Ross herunterkommt und ein Bündnis mit den Grünen nicht von vornherein ausschließt.


Donnerstag, 16. Oktober 2008

16 10 2008

16. Oktober 1793: Marie Antoinette wird per Guillotine enthauptet.

T: Die stets wiederkehrenden Flugzeuge. Passagiermaschinen. In der Luft vollführen sie spektakuläre Manöver. Dabei wirken sie schwerfällig elegant wie zwei umeinander tanzende Wale. Später sind es dann wirklich Wale.
Außerdem hatte ich es mit einem freilaufenden Tiger zu tun.

In der Nacht Regen. Am Morgen blauer Himmel, relativ mild. Herbstlaub.

Prantl in der SZ: „Wenn ein Engländer arbeitslos wird, geht er zum Angeln. Wenn ein Deutscher arbeitslos wird, geht er zu den Nazis.“ Das sagt man angeblich in England. Nun, da ist was dran, aber es stimmt auch, dass das mittlerweile nicht mehr unbedingt so ist. Erstaunlich ist in der Tat, dass weder FDP noch Linkspartei durch die Finanzkrise leiden/profitieren. Es ist so, als hätte die Bevölkerung noch gar nicht begriffen, was das alles bedeutet. Die glaubt das erst, wenn sie für einen Laib Brot tausend Euro zahlen muss. Es ist schon so, dass Prantl sich über das Scheitern der entfesselten Märkte freut. Und in der Tat hofft man, dass nun etwas Menschlicheres an deren Stelle tritt. Es gibt schon Forderungen aus der Wirtschaft, die sich noch vor Wochen jegliche Einmischung von Staatsseite verbeten hat, mit gewaltigen Konjunkturprogrammen die Rezession abzuwenden. Das ist nun wirklich die glorreiche Rückkehr Keynes'! Wer hätte das gedacht. Vor kurzem wäre man noch ausgelacht worden, wenn man dies prophezeit hätte.
Obwohl dies Scheitern, ein amerikanisches Scheitern ist, denken viele unserer Amerika-Apologeten nicht daran, auch nur einen Millimeter von ihrer Bewunderung abzurücken, wie jetzt neulich Dahrendorf wieder. Amerika würde sich eben viel schneller erholen, als Europa, wo man immer nur redete. Ja, Amerika ist sehr dynamisch. Aber ein Land ohne heilige Kühe macht mich skeptisch.
Merkel und Steinbrück haben offensichtlich keinen genauen Plan, wie mit der ganzen Sache umzugehen sei.

Der Begriff, etwas müsse „überdacht“ werden. Mit Ziegeln?


Mittwoch, 15. Oktober 2008

15 10 2008
15. Oktober 1793: Marie Antoinette wird vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt.

T: Ich möchte mir Kaffee kochen, verwende dafür aber Linsensuppe statt Pulver. Bemerke meinen Irrtum erst, als ich den Filterinhalt entsorgen will. Überlegungen, wie ich das vor den anderen vertuschen kann.

Die Japaner haben wieder einen Haufen Delfine abgeschlachtet, ein wahres Gemetzel. Ekelhaft. – Die Kanadier, die kleine Robbenbabys niedermetzeln. Nein, dafür kann ich kein Verständnis entwickeln. Ich habe mich mal mit einer Kanadierin darüber unterhalten. Sie beschuldigte die Tierschutzorganisationen, dass das immer so negativ dargestellt würde. Fotos von Blut auf Eis lösten dieses in ihren Augen ungerechtfertigte Mitleid aus. Die Tiere würden anschließend gegessen, okay? Und das sagte sie als Vegetarierin. Es ist nicht nachzuvollziehen.
Medienmäßig heute eher tote Hose. An solchen Tagen fliegen auch die sonst so quirligen Mauersegler verlangsamt. Die Finanzkrise spielt nicht mehr dieselbe Rolle wie gestern. Dabei hat sie sich keinesfalls erledigt. Trotz 500 Milliarden.
Schauen wir, was es so gibt: Buchmesse: wie schnell ein Jahr vergeht. Im Grunde gibt’s dazu nicht viel Interessantes zu sagen. In der SZ wird dem Buchhandel eine Krise attestiert. Auch Speichermedien werden mal wieder ins Spiel gebracht. Ich verstehe das nicht. Die können doch gar nicht so wunderbar nach Papier riechen? Und ein Buch kann nicht abstürzen. Mir fällt dabei immer die sehr vergessliche Firma Apple ein, die nicht daran gedacht hat, an mein Musik-Dings einen Ausschalter zu montieren. Wenn es dann Rechenvorgänge vollführt, die ins Unendliche gehen, weil es wahrscheinlich versucht, irgendwas durch Null zu teilen, kann ich nur noch warten, bis der Akku leer ist. Rausnehmen lässt sich der nämlich auch nicht. Und kein Ausschalter. Eine wirklich sehr vergessliche Firma. – Generell gilt: Digital: super! Aber alles, was wirklich hochkomplex ist, wie das menschliche Gehirn, funktioniert analog. Allein schon deswegen ist dem der Vorzug zu geben. Bücher sind doch etwas Wunderschönes? Steinfeld. Doch eigentlich ein ganz guter Mann?

Lit: Ich komme zu nichts.


Dienstag, 14. Oktober 2008

14 10 2008
Rasantes Sitzmöbel


14. Oktober 1938: Deutschland verlässt den Völkerbund.

T: Ich fahre durch das Dorf meiner Oma. Viele Häuser sind abgerissen, auch ihr Haus existiert nicht mehr. Ich bin ganz schockiert und denke: das hat doch auch mit dir zu tun?

Thea Dorn hat in der aktuellen Ausgabe des Spiegel Blogs als „Erweiterung des Stammtischs“ bezeichnet, ausgerechnet jetzt, wo auch ich mir so ein Dings eingerichtet habe. Also setze ich mich nieder und bestelle eine Runde. Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft ist ein leidenschaftlicher Blogger, der sogar lustige Allerweltsfotos auf seine Seite stellt, ganz wie ein Normalsterblicher.
Merkwürdig, dass nun alle den Kapitalismus für tot erklären. Und noch vor wenigen Wochen wollte davon niemand etwas hören. In den Medien wird gesagt, der Sozialismus erhalte nun Einzug, weil mehrere der wichtigsten Staaten sich an den Banken ihres Landes beteiligen wollen. Ja, ist Sozialismus denn nur die Beteiligung des Staates an Unternehmen? Von Fünfjahresplänen ist doch gar nicht die Rede?
Die Wucht der Summen. 500 Milliarden Euro will die Bundesregierung für Bürgschaften garantieren. „Wenn das man gut geht“, möchte man rufen. Was dabei rauskommt, weiß niemand, etwas Ähnliches hat es noch nie gegeben. Man hofft, dass es sich glücklich fügen mag, aber es könnte auch zum nachhaltigen Desaster kommen. Das hat was von einem Seiltanz, ohne dass man weiß, ob es ein armdickes Tau ist, auf dem man lang spaziert, oder zartes Nähgarn. Es kann zum Riss kommen und dann: „Eli, Eli, lama asabtani?“
Es ist ganz richtig, wie es in der SZ geschrieben steht: Noch vor zwei Wochen hätte man in Bundestag und Bundesrat hart nur um eine Milliarde gerungen, jetzt sind es 500 Milliarden, ohne dass auch nur der Hauch einer Kritik kommt. Das alles ist nicht mehr vorstellbar. Es geht um Millionenmilliarden.
500 Milliarden. Ein Hundertausendstel dieser Summe würde ausreichen, meine ganz persönliche Finanzkrise zu überwinden.
Mit Verhältnissen wie 1929, als die Leute Schilder malten, auf denen „Übernehme Arbeit jeder Art“ stand, scheint der einfache Mann auf der Straße überhaupt nicht zu rechnen. Keine Rede davon, dass nun die Sparkassen gestürmt, die Konten geplündert und das Ersparte in die Matratze eingenäht würde. Das liegt aber vielleicht nur daran, dass heute niemand mehr mit Nadel und Faden umgehen kann? Wir bewegen uns auf dünnem Eis.
Die FAZ schreibt, durch die Krise dürfte bei den Landesbanken kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Ist das die Erklärung für meinen Traum?
Die SZ heute ungewöhnlich dick für einen Dienstag. Ich dachte schon, es handelte sich dabei um Werbung, entdeckte dann aber, dass der Zeitung heute ein opulenter Literaturteil beilag. Das hat was mit der Buchmesse zu tun. Ich finde das gut, frage mich aber: Wer soll das alles lesen? Ich selber habe das meiste nur überflogen. Ganz gute Bemerkungen zu Max Goldt, wenn auch ein bisschen zu akademisch. Max Goldt mit Michel de Montaigne vergleichen? Grund dafür war nicht das Profunde der Erkenntnis, sondern das Bedürfnis nach einem Faden, der alles zusammenhält. Aber warum nicht.
Jemand, der sich wesentlich besser mit diesem Internet-Zeugs auskennt als ich, hat mir geraten, jedem Eintrag ein Foto beiseite zu stellen, wegen der Suchmaschinen. Du lieber Gott. Natürlich freue ich mich, wenn ich gefunden werde, aber was denn bitteschön für Fotos? Aber ein Mauersegler nimmt auch Bilder in sich auf, also gibt es Fotos. Fragt sich, ob die aussagekräftig sind. Mit regelmäßigen Lesern rechne ich sowieso nicht: Ich schreibe immer unbequem lang.

Im TV der weitgehend kitschige Wenders’ Film In weiter Ferne, so nah! Mich interessierten vor allem die Berlin-Bilder. Da sehe ich den Hackeschen Markt und komme ins Grübeln. Damals.